Antwort an Rilke
... Sie wollten blühn,
und blühn ist schön sein, doch wir wollen reifen,
und das heißt dunkel sein und sich bemühn. *
RAINER MARIA RILKE
So gibt es für uns nichts Bewundernswertes,
während wir im Dunkeln wachsen? Ist Schönheit uns nicht vergönnt?
Wenn ja, was heißt dann Reifen und sich nach Reife zu sehnen?
Wie Sehnsucht denken ohne Schönheit?
Wie denken, Schönheit ließe uns eine Wahl?
Und dass sie schmerzlos* wäre?
Der Birnbaum Mitte Mai,
seine merkwürdige Nacktheit, Blüten,
weiß wie ein leeres Bett.
Reifen heißt sich erinnern
an Erblühen und Verwelken einer jeden Blüte,
sonnengefüllt ihr Antlitz, ihre Frucht
ihr Grabstein.
Dunkel sein heißt es und sich mühn.
* Die englisch Übersetzung lautet: …. They wanted to flower, and flowering is being beautiful. But we want to ripen and flowering is being beautiful. But we want to ripen, and that means being dark and taking pains.
Die Übersetzung “Taking pains” von „sich bemühn“ ist grundlegend für Sue Sinclairs Gedankenansatz. Taking pains verweist auf “pain”, d.h. Schmerzen, und steht in direktem Zusammenhang mit Zeile 6 des Sonetts, in welcher erklärt wird, das Schönheit nicht ohne Schmerzen zu haben ist.
Reply to Rilke (HT)
... They wanted to flower,
and flowering is being beautiful. But we want to ripen,
and that means being dark and taking pains.
RAINER MARIA RILKE
Do we, then, have nothing to admire
as we gestate in the darkness? Are we afforded no beauty?
If so what does it mean to ripen and to desire to ripen?
That’s the difficulty, imagining desire and no beauty.
And imagining that beauty gives us any choice.
And that it’s painless.
The pear tree, mid-May,
its strange desolation, flowers
white as an empty bed.
to ripen means remembering
how each flower opened, then faded,
its face full of sun, the fruit
its gravestone.
It means being dark and taking pains.