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Jan Zwicky

Jan Zwicky ist Philosophin und Dichterin, Musikerin und Mathematikerin, und

lebt zurückgezogen in British Columbia. Sie lehrte Philosophie an der Princeton

University und den kanadischen Universitäten Waterloo, University of Western

Ontario, University of New Brunswick, University of Alberta und zuletzt an der

University of Victoria. Zusätzlich unterrichtete sie interdisziplinäre Kurse in den

Geisteswissenschaften an der University of Waterloo und der University of

Victoria. Sie war Dozentin des renommierten Banff Writing Centers, leitete

zahlreiche Schreibwerkstätten und war über 30 Jahre lang Lektorin bei Brick

Books und von 2017 bis 2019 Herausgeberin der Serie Oskana Poetry and Poetics

bei der University of Regina Press.

Jan Zwicky’s Dichtung hat zweifellos weltliterarischen Rang und wurde in Kanada

mit zahlreichen renommierten Preisen geehrt, unter anderem zweimal mit dem

Governor General’s Award für Songs for Relinquishing the Earth (1996, dt. Lieder

zum Loslassen der Erde), dem die meisten der hier vorgestellten Gedichte

entnommen sind, sowie für Robinson’s Crossing (2004), welcher ebenfalls den

Dorothy Livesay Poetry Prize gewann.

*Foto: George Sipos*

Eine treffende Beschreibung von Jan Zwicky’s Poetik findet sich in einem Zitat David Seymour’s aus dem Jahre 2000 (erschienen im ellipse magazine): „Jan Zwicky zu lesen, sei es ihre

Dichtung oder ihre philosophischen Schriften, kommt einer Begegnung mit einer leidenschaftlichen Intelligenz und einer elektrifizierend klaren Vision gleich. Gleichzeitig durchzieht

ihr Werk ein unterschwelliger Strom von Trauer, der nicht qua Sprache artikulierbar scheint. Es ist dies eine Trauer, die vom Gewicht einer Art Weltweisheit herrührt. Es ist eine Trauer,

die aus der Erfahrung der Schönheit der Welt entsteht, während sie gleichzeitig dazu verurteilt ist, den industriellen Elan mitanzusehen, mithilfe dessen wir uns der Zerstörung der

Grundlagen ebendieser Schönheit widmen. Es ist die Trauer, geboren aus dem Lauschen nach Stille, auf das nur ein trügerischer Gebrauch der Sprache antwortet, ein Sprachgebrauch,

der mitschuldig an einer Einstellung ist, die die Erde als Ressourcenquelle der Menschheit definiert.”

Es wäre aber zu kurz gegriffen, Jan Zwicky nur als Eco-Lyrikerin zu bezeichnen. Vielmehr geht es ihr darum, der Welt eine behutsame Aufmerksamkeit zu widmen, die den Dingen

geduldig zuhört und ihr Sein in Sprache bringt. Dabei tritt Zwickys eigene Stimme immer wieder in einen Dialog mit Musik (Bach, Schubert, Schumann, Bruckner), Dichtung (Trakl,

Rilke, Hölderlin) und Philosophie (Heraklit, Parmenides, Kant, Wittgenstein). Eines ihrer Hauptanliegen bleibt dabei immer, die Vielheit der Stimmen, ihre Polyphonie, zu bewahren,

denn Bedeutung entsteht laut Zwicky durch „Resonanz“ vieler Stimmen, die miteinander kommunizieren, nicht durch „die Sprache einer Hand, die festhalten will, Sprache, die

versucht, Erfahrung festzuschreiben, damit wir verstehen können, wie wir sie benutzen sollen. [Es] ist eine Sprache, die von einem integrierten Verständnis beherrscht wird, eine

Sprache, die aufgeladen, verbogen, geräuchert ist von unserem Bedürfnis nach Bedeutung.“ (The Experience of Meaning, 2019).

In Zwicky’s philosophischem Band Lyric Philosophy (1992), in dem sie ihr ihr gleichlautendes Konzept der „Lyrischen Philosphie“ erklärt, lesen wir:


„Das Geschenk der Lyrik ist, das Ganze im Einzelnen zu erkennen; und indem sie dies tut, den

Blick auf das zu lenken, was wertvoll an der Welt ist, nämlich die Möglichkeit, sie zu verlieren.“

Die Spannung zwischen der Feier der Schönheit und der Trauer über deren bevorstehenden Verlust, der nur dadurch ausgehalten werden kann, dass man ihn zulässt, das heißt, also

„loslässt“, die Hand, die festhalten will, öffnet, ist, was Jan Zwicky’s Lyrik kennzeichnet, sie über andere Autoren hinaushebt und ihre Lyrik für uns wohl heute – nach

pandemiebedingten Verlusten an geliebten Menschen und bevorstehenden Verlusten bedingt durch Klimawandel – noch aktueller erscheinen lassen, als zur Zeit ihrer Erscheinung.

Bibliographie

1. Lyrik

Wittgenstein Elegies (1986, 2015)

The New Room (1989)

Songs for Relinquishing the Earth (1996, 1998)

Twenty-one Small Songs (2000)

Robinson’s Crossing (2004)

Thirty-seven Small Songs & Thirteen Silences (2005)

Forge (2011)

The Long Walk (2016)

2. Philosophie

Lyric Philosophy (1992, 2011, 2014)

Wisdom and Metaphor (2003, 2008)

Plato as Artist (2009)

Auden as Philosopher: How Poets Think (2011)

Alkibiades’ Love: Essays in Philosophy (2015)

Learning to Die: Wisdom in the Age of Climate Crisis (2018, mit Robert Bringhurst)

The Experience of Meaning (2019)

Fifty-six Ontological Studies with photographs by Robert Moody (2020)

3. Belletristik

The Book of Frog (2012)

4. Übertragungen

Vittoria Colonna – Selections from the Rime Spirituali with photographs by Robert Moody

(2014)

Danksagung

Die Übersetzerin möchte Jan Zwicky ihren Dank bekunden, die

ihre großzügige Erlaubnis gab, ihre Gedichte zu übertragen und

auch die zugrundeliegenden Originale auf dieser Webseite

mitzuveröffentlichen. Die Gedichte stammen aus den folgenden

Gedichtbänden, deren Kürzel den Originalgedichten in

Klammern beigegeben sind:

Acknowledgments

The translator would like to express her gratitude to Jan Zwicky

who generously granted permission to translate her poems and

publish the originals alongside the translations on this website.

The poems hail from the following collections, marked with the

listed codes:



The New Room.
Toronto: Coach House Press, 1989 (NR)

“Practising Bach”

Songs for Relinquishing the Earth. London ON: Brick Books, 1998 (SRE)

- Governor General’s Award for Poetry, 1999 -

“Open Strings”

“Brahms’ Clarinet Quintet in B Minor Op. 115”

“Cashion Bridge”

“Five Songs for Relinquishing the Earth”



Thirty-seven Small Songs & Thirteen Silences. Kentville NS: Gasperau Press, 2005 (SSS)

- Nomination für den Dorothy Livesay Poetry Prize und den Pat Lowther Award –

“Apple Song”

“Small Song for the Voice of the Nuthatch”

“Mozart”