Etude über Schönheit 2

Exercise in Beauty No 2 (HT)

 

Ich zündelte mit einem Feuerzeug an einer Möwenfeder, wollte einen Funken

von dem erhaschen, was E. erlebt hatte. Damals

las ich gerade Farochsad.

behalte den Flug in Erinnerung,

denn der Vogel ist sterblich.

Mir schien, auch der Flug war

sterblich, und Erinnerung war, trotz ihrer Unzuverlässigkeit,

immer noch die beste Wahl.

E. erzählt, dass, einmal, während ihrer Kindheit in Polen,

die Scheune hügelabwärts Feuer

gefangen hatte. Sie hatte zugeschaut, im Nachthemd, freudestrahlend wie Kaiser Nero,

wie sich die Hühner von der Heutenne in den gespenstischen

Schein der Feuerwehrwagen stürzten,

ihr Federkleid mittflugs vom Feuer verzehrt, hilflos mit den Flügeln schlagend.

Eine Definition von Schönheit –

Zwecklosigkeit – so möchte man denken. Was bist du bloß

für ein Mensch? fragte ihre Mutter. Heute noch

fällt es E. schwer, ein Unglück von einem

Wunder zu unterscheiden. Noch immer träumt sie von den Hühnern: flügelschlagend,

schrieben sie sich an den Himmel,

die Vögel und ihr Flug für immer ins Gedächtnis

gebrannt qua der Eselsbrücke des Feuers.

Die Möwenfeder in meiner Hand verbrannte so schnell,

es war, als ob Geburt und Tod in einen einzigen

Augenblick zusammenschnurrten;

Ich erinnere mich,

sie war schon verschwunden bevor ich auch nur den Daumen

vom Zündrad genommen hatte.

* Die zweite Strophe ist ein Zitat aus Farough Farochsads Gedicht “Mein Herz ist bedrückt”, ins Deutsche übersetzt von Elmar Locher.

I took a lighter to a seagull feather, seeking a glimpse

of what E. had witnessed. I was reading Farrokhzad

at the time.

commit flight to memory,

for the bird is mortal.

It seemed to me that flight was equally

mortal, and memory, for all its fallibility,

indeed the best bet:

when E. was a girl in Poland, she said, the barn

down the hill caught

fire. She watched in her nightdress, beaming like Ceasar

as chickens plunged from the hayloft into the freakish glow

of the fire trucks,

plumage consumed mid-flight, wings flapping uselessly,

which is one definition of beauty –

uselessness – or so you might think. What kind of person

are you? her mother demanded. Even now

E. struggles to tell the difference between affliction

and miracle. She still dreams about the chickens: flailing,

they scribbled themselves across the sky,

birds and flight partially immortalized

by the fire’s mnemonics.

The gull feather in my hand burned so fast

that birth and death seemed compressed

in a single instant;

I remember

it was gone almost before I lifted my thumb

from the flint wheel.

* The second stanza is a quote from Farough Farrokhzad’s poem "I’m Depressed”, translated from the Persian by Michael C. Hillman.