Fünf Lieder zum Loslassen der Erde

Five Songs for Relinquishing the Earth (SRE)

 

Der Fels. Er weint, weint hinein in sein eigenes Weiß.

Sonnige Wiesenhänge, die Enziane,

hoch über uns.

Die Sonne, auch sie, rollt talwärts. Als Sinfonie

sinkt das Tannengeäst* ins feurige Moos.

Juwelenmusik, das bernsteinene Brüllen der Fälle.

Kein Gedanke an Zuhause.

Im kühlen Schatten warten wir

in lichtbeschatteter Hoffnung.

* Die Homophonie zischen engl. bough = Ast, Zweig und bow = Geigenbogen, die die synästhetische

Assoziation von Tannenzweigen und Musik (Sinfonie) herstellt, geht in der deutschen Übersetzung

verloren. (Anm. d. Übers.)

Weißt du noch, wie der Weg im hohen

Mittagslicht dem Bogen der Uferböschung folgte?

Im Traum

tat ich meine Ringe ab, auch die Armbänder,

das Goldmedaillon.

Barhäuptig will ich stehen, zwischen den Tannen!

Zauber des Wassers,

es ist das Lachen der Geometrie,

Wind stürzt hangabwärts:

umarmungssehnsüchtig.

Der Berg treibt im Zwielicht.

In jenem Moment, in dem wir die Vorhänge

schließen zur Nacht, ist der Wunsch, sie wieder zu öffnen,

am heftigsten.

Die Feingliedrigkeit der Maultierhirsche, der scharfe,

trockene Geruch der Tannen –

dankbar waren wir für jede noch so kleine Freude:

Ein Regal, das Bücher beherbergt, trockene Socken.

Regen rinnt über die Hüttenfenster.

Freilich, einst ging die Erde

auf ebenso zierlichen Stelzbeinen einher

Unser Denken rollt in eine Ritze, geht darin verloren.

Ein Himmel voller Löcher, im Amazonas

eine Wüste,

du, schwarzer Stumpf, starr in der Rodung: -

Nebel schmerzkrümmt sich über dem See.

Müde sind wir.

Die hölzerne Schale ist leer.

Die ganze Nacht lang Streit mit Fremden, trübe

Korridore, Panik.

Frühling ist’s. Die Abflüsse sind trocken.

Wir lagern auf felsiger Wiese,

unter besternter Ebene.

Die Hände von selbst gefaltet im Schlaf;

auch die Ohren, die Augen, die Zunge

in ihrer dunklen Höhle.

Der Geist wandert einsam, horizontwärts.

Weiß ist sein Gesicht bei seiner Rückkehr,

sein Kompass liegt zerbrochen in seiner

gebrochenen Hand.

Wenn dann die Zeltklappe im Wind der Morgendämmerung

flattert, wird der Ort, an dem sich das Herz befand,

leer sein.

The rock weeps into its own whiteness.

Sunny meadow slopes, the gentians,

far above.

the sun, too, tumbles down. A symphony

of spruce boughs sinks into the fiery moss.

Jewel-music, the amber roar of the falls.

No one thinks of home.

Waiting in the cool shadows,

we are dappled with hope.

Remember how the track swung out

around the cutbank in the full light of noon?

In my dream,

I took off my rings then, my bracelets,

the gold locket.

To stand bare-headed among the pines!

The fascination of water

is the laughter of geometry.

Wind plunges down the hillside:

a longing to embrace.

The mountain drifts in twilight.

When we draw the blinds at dusk

is the moment we most want to open

them again.

Delicacy of mule deer, the sharp

dry scent of spruce –

we have been grateful for the smallest kindnesses:

a shelf that holds up books, dry socks.

Rain streaks the windows of the cabin.

Of course, the earth once moved

on fragile stilts like theirs.

Thought rolls down a crack, is lost.

A sky with holes, a desert

in the Amazon,

you, black stump, rigid in slash: -

Mist writhes from the surface of the lake.

We are tired.

The wooden bowl is empty.

All night, arguments with strangers, dim

corridors, panic.

It is spring. The gullies are dry.

One makes camp in a rocky meadow

under a plain of stars.

The hands fold themselves in sleep then;

and the ears, the eyes, the tongue

in its dark cavern.

The mind walks alone to the horizon.

When it returns, its face will be white,

the compass will lie broken

in its broken hand.

And when the tent flap flutters

in the windy dawn, where the heart lay

will be nothing.