Liebe zur Pavlova

Loving Pavlova (HT)

 

Aus einer Entfernung von vier Milliarden Meilen von der Erde sandte Voyager 1 ein Foto

zurück. Es hing lange in einem Hörsaal der NASA, schien kaum beachtenswert, ein paar

Lichtstreifen vor schwarzem Hintergrund, doch auf halbem Weg des abwärts gerichteten Blicks,

in der rechten unteren Hälfte offenbarte sich dem Betrachter ein winziger blauer Tupfen.

Und fast jeder Besucher, der diesen kaum existierenden Fleck erblickte, berührte ihn: Das Bild

nutzte sich ab wie die Stufen eines öffentlichen Gebäudes. Immer wieder musste es

ausgewechselt werden.

Warum soll man Schönheit nicht nachgeben, in Erwägung ziehen, dass sie wahr ist?

Anna Pavlova tanzte den Schwan in einem perfekten weißen Tutu. Ein sahnegefülltes

Baisergebäck ist nach ihr benannt. Außerdem hatte sie schlechte Zähne – ungemein schlecht.

Die reinsten Ruinen. Filmdokumentationen ihres sterbenden Schwans sind fast keine vorhanden, nur

ein paar Fotos, und auf manchen von ihnen lächelt sie, offenen Munds.

Ihre Zuschauer kümmerte das nicht. Die wollten in verdunkelten Sälen sitzen und zuschauen,

das Sterben des Schwans fühlen und ihn dann ins Leben zurückklatschen.

Sich vorzustellen, dass die Dinge besser sind als sie scheinen, bedeutet, nur das Beste an ihnen

zu sehen. Das ist keine Lüge, oder wenn es eine ist, so jedenfalls nur zum Teil.

Ich besitze ein kleines Foto der Pavlova. Im Schwanenkostüm posiert sie vor einem schwarzen

Vorhang, den Kopf zur Seite geneigt, mit zu Boden gerichteten Augen. Es scheint als schwebe

sie in der Luft, nicht größer als mein Daumen, aber ich kann jede einzelne ihrer Federn erkennen,

selbst jene kleine Daunenfeder, die an ihre Schulter geheftet ist.

Wenn man im NASA-Gebäude endlich diesen kleinen blauen Fleck – uns - gefunden hat, ist es

fast unmöglich, ihn nicht zu berühren. Behutsam, als spürte man das Gewicht seiner Finger aus

meilenweiter Entfernung.

Wer könnte anders als die Dinge so zu denken, wie sie in unseren Hoffnungen sind – und ist

diese Hoffnung nicht die größte Notlüge? Eine Notlüge von solcher Blässe, dass man sie kaum

noch als solche erkennt.

Das Voyagerfoto verlangt von uns, uns einzubilden, uns in solch großer Entfernung von der

Erde zu befinden, dass es einer Erprobung unseres eigenen Todes gleichkäme. Damit meine ich

nicht, sich sein eigenes Begräbnis vorzustellen, eher käme es dem Versuch nahe, die einzelnen

Federn ihres Kostüms zu zählen.

Die Pavlova starb im Alter von neunundvierzig Jahren, schweratmend wie nach einem Auftritt.

Sie bat um ihr Kostüm, ließ es auf dem Bett neben sich auslegen, all die sterbenden Schwäne,

Nicht wirklich Lügen, nur der gerade noch zu ertragende Teil der Wahrheit.

Voyager 1, four billion miles from Earth, sent back a photograph. It used to

hang in a NASA auditorium, seemed unremarkable, a few streaks of light on

a black background, but about halfway down, toward the right, you could

find the tiniest revelatory blue speck.

And almost every visitor who saw that barely-there dot touched it: the

image got worn, like the steps of public buildings. It kept having to be

replaced.

Why not give in to beauty, consider its truth?

Anna Pavlova danced the swan in a perfect white tutu. She had a dessert

of meringue and cream named after her. She also had bad teeth – really

terrible. Ruinous. There’s almost no footage of her Dying Swan, but there

are photographs, and in some she’s smiling, mouth open.

Her audience didn’t care. They wanted to sit in darkened auditoriums

and watch, feel the hush of the swan sinking to the floor then applaud it

back to life.

To imagine things are better than they are, that is, to look to the best in them.

This isn’t a lie, or if a lie, only partly so –

I have a small photograph of Pavlova. Dressed in her swan costume, she

poses against a black drop cloth, head tilted to one side, eyes downcast.

She seems suspended there – no bigger than my thumb, but I can see every

vane of her feathers, even the down pinned to her shoulders.

When standing in the NASA centre, you finally find us – the fleck of blue –

it’s almost impossible not to reach out. Gently, as though you could feel the

weight of your finger from miles away.

Who can help but think of things as we hope them to be – and isn’t this hope the

whitest of lies? A lie so pale you can barely see it.

The Voyager photograph asks you to imagine yourself so far from Earth,

it’s like rehearsing your own death. I don’t mean picturing your funeral, more

like trying to count the individual feathers sewn into her costume.

Pavlova died for real at age forty-nine, her breath laboured as if after a per-

formance. She asked for her tutu, had it laid out on the bed beside her, all

those dying swans,

not lies really, just the most bearable part of the truth.