Präludium

Prelude (HT)

 

Das Spätnachmittagslicht leuchtet antik:

die Pfingstrosen neigen die Hälse. Bieten sie dar als

hängte jemand ihnen eine Halskette um oder nähme sie ab.

Derweil schliefen sie ein,

schlafsüchtig,

denn wie alles Schöne

sind sie offenbar dem Einfluss ihres flüchtigen Selbst unterworfen, beugen sich seinem Rhythmus,

so verlangsamt sich jeder Augenblick, wird still und wächst zu sich hin,

vergrößert sich wie das Geräusch

eines tropfenden Wasserhahns in einer leeren Wohnung,

gedehnte Version eines Augenblicks,

der Raum schafft, die Augen zu schließen und den tiefen ruhigen Atem des Schlafs zu atmen.

Indessen,

unmerklich fast, ist des Blühens kein Ende,

dies endlose schlafwandlerische Zeugen, Blütenblätter mehren sich wie jene Lobgesänge, die,

besessen von einem einzigen Wort, nicht aufhören können, es zu wiederholen.

Jeder schwere Blütenkopf ist ein Sturm, lautlos aufsteigend am Horizont, in weiter Ferne,

und selbst in diesem Moment ist es, als sei er auf irgendeine Weise langsamer geworden,

als nehme er sich Zeit,

als käme der Sturm niemals, nicht jetzt, nicht zu uns, nicht in diesem Leben —

Die Natur ist nicht Unendlichkeit, sondern ihr Vorspiel,

so dachte Schiller,

und die Pfingstrosen, das ist keine Überraschung, haben begonnen zu welken;

Ich sehe Ameisen an ihren Stängeln krabbeln, kann sehen, wie sie nicht nur ihre ihnen

bewussten, sondern auch ihre unbewussten Seelen verlieren.

Aber was wäre, wenn sie nicht verwelkten, was wäre wenn sie stattdessen immer weiter wüchsen,

als wartete niemand darauf, dass sie ihre letzten langsamen Atemzüge täten,

nicht wir und auch niemand sonst,

also könnte es geschehen, dass sie ihrer Vollendung entgegenwüchsen bis ihre geöffneten Blüten

in schwindelerregender Weise die Horizonte erreichten,

bis es nichts mehr gäbe, das sich nicht mit ihnen öffnete — und falls sie sich dann manchmal

etwas neigten, die Köpfe hängen ließen, auch wenn da noch eine Ameise am Stängel sich festklammerte,

wäre dies kein Anlass zur Sorge.

Es wäre nur noch eine Erinnerung daran, wie es einmal war.

Late-afternoon antique light:

the peonies lean forward as though they were letting someone fasten or unfasten a

necklace

and fell asleep halfway through,

narcoleptic,

for, like anything beautiful,

they seem under the influence, succumb to the pace of their fleet selves

so that every moment slows and quiets and builds against itself,

enlarging like the sound

of a dripping faucet in an empty apartment,

the moment an expanded version of itself

with room to close your eyes and breathe the deep easy breath of sleep.

All the while, though,

almost forgotten, what doesn’t cease

is the blooming, the endless somnambulant begetting, petals accumulating like

the hymns that, obsessed by a single word, can’t stop repeating it.

Each heavy head is a storm gathering silently on the horizon, somewhere far away,

and even then it seems to have slowed, somehow,

taking its time,

as though the storm will never come, not now, not to us, not in this life —

Nature is not the infinite but its prelude,

that’s what Schiller thought,

and the peonies, no surprise, have begun to wilt;

I can see ants on the stems, can see them beginning to lose not just their conscious but

also their unconscious souls.

But what if they don’t, what if instead they just kept on growing,

as though no one were waiting for them to take their last slow breaths,

not us, not anyone,

and they will have a chance to complete themselves, opening until they span

the horizons, dizzyingly,

until there is nothing that does not open with them — and if they sometimes

bend a little, droop, if an ant still clings to a stem,

it’s nothing to worry about.

It’s just the memory of what things used to be like.